Nur Befehle befolgt?

Mit dem wohl dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte beschäftigten sich am 01. Februar 2019 die Oberstufenschüler*innen des Städtischen Gymnasiums. Auf spannende und anschauliche Art und Weise führten die „hannoverschen Kammerspiele“ in einer szenischen Lesung der „Eichmann-Protokolle“ in das Leben und die Ansichten des Adolf Eichmanns (1906-1962) ein. Auf der Grundlage der Mitschnitte der Verhöre des israelischen Geheimdienstes wurde die Frage beleuchtet, was ihn, einen Hauptorganisator des Holocausts, antrieb.  

Adolf Eichmann gilt als der Inbegriff des Schreibtischtäters: Der SS-Obersturmbannführer war eine zentrale Figur für die Verfolgung, Vertreibung und schließlich Ermordung von ca. 6 Millionen Menschen in nationalsozialistischen Vernichtungslagern. Zuerst in Österreich tätig, organisierte er die zentrale Verwaltung für jüdische Auswanderungen, die Vorbild für die später in anderen Städten ebenfalls installierten Zentralstellen wurde. Seine Einstellung in den ersten Jahren sei bedingungslos gewesen, gab er in den Verhören an. Er sei kein Judenhasser, das habe man von ihm gewusst, aber Befehle seien Befehle, die befolgt werden müssten. Die Organisation der Transporte in die nationalsozialistischen Vernichtungslager war in späteren Jahren, zur Durchführung der „totalen physischen Vernichtung der Juden“, seine Aufgabe und er war oft auch vor Ort zum Lösen jedweder Probleme gewesen. Avner Less, dem befragenden Verhör-Offizier, gab er zu Protokoll: „Ich habe mit der Tötung nichts zu tun gehabt. Mit der Ablieferung erlosch meine Zuständigkeit.“ Er habe von der Tötung gewusst, dienstlich, aber „das sind keine persönlichen Entscheidungen gewesen, wäre ich nicht dort gewesen, irgend jemand anderer hätte genau dieselben Entscheidungen treffen müssen, aufgrund der vorliegenden Weisungen, Verordnungen und Erlasse“, so Eichmann. Reiner Gehorsam sei der Grund für sein Handeln gewesen – er gab sogar an, dass es seine „Erfüllung“ gewesen sei und er jede Schuld und Verantwortung strikt ablehne. Aus zahlreichen anderen Quellen, unter anderem Biographien seiner Vorgesetzten, geht allerdings hervor, dass Eichmann von der Vernichtung absolut überzeugt, nahezu besessen gewesen sei.

Nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 tauchte Eichmann bis 1950 unter falschen Identitäten in Deutschland unter, bis er sich nach Argentinien absetzte. 1960 fand ihn dort der israelische Geheimdienst Mossad und entführte ihn. Zur Vorbereitung des Prozesses, durch den Eichmann 1962 zum Tode verurteilt wurde, verhörte man ihn in Israel 275 Stunden.

Die Schauspieler Bernd Surholt und Harald Schandry verknüpften in der Inszenierung veröffentlichte Mitschnitte der Verhöre Eichmanns mit Originalzitaten, Zeitungsschlagzeilen, aber auch Liedtexten, Briefen und Anordnungen der NSDAP-Parteileitung. Sie stellten Eichmanns empfindungs- und empathielose Ansichten nach und zeichneten bei dieser außergewöhnlichen Inszenierung ein umfassendes, erschütterndes und die Zuhörer*innen nachhaltig beeindruckendes Bild eines Mannes, der sich als nicht-schuldig, als Rädchen im Getriebe und teilweise gar als bedauernswertes Opfer einer übermächtigen Befehlskette darstellen wollte – aber als Überzeugungstäter entlarvt wurde.

In dem anschließenden Gespräch lobten die Schüler*innen die Darstellung und erforschten durch fundierte Fragen weitere Hintergründe Eichmanns und seines Prozesses, aber auch den Umgang der Schauspieler mit der Auseinandersetzung einer solchen Person. Wie sehr die szenische Lesung sie beeindruckt hatte, zeigte auch der intensive Austausch mit den Darstellern nach der Veranstaltung.