Städtisches Gymnasium treibt Digitalisierung voran

 

Am Städtischen Gymnasium (SG) gibt es seit diesem Schuljahr eine „Tablet-Klasse“, in der 27 Siebtklässler Unterricht teilweise mit dem eigenen Tablet bestreiten. Das Pilotprojekt ist der Anfangspunkt eines umfangreichen Digitalisierungsprozesses.

 

„Spannend, zukunftsorientiert, mehr Freude am Lernen …“, die farbigen Begriffe tauchen nacheinander als Beamerprojektion an der Wand auf. Die Eltern der Klasse 7a sind zum ersten Elternabend der neu gebildeten „Tablet-Klasse“ am SG eingeladen und sammeln ihre Eindrücke der ersten Wochen in einer digitalen Word Cloud. Die positiven Eindrücke stechen deutlich hervor, obwohl zu Hause auch von den anfänglichen Stolpersteinen erzählt wird. Insgesamt aber seien die Schüler, so fassen die Eltern anschließend zusammen, durchweg motiviert und engagiert bei der Arbeit mit dem eigenen Tablet.

 

Digitale und analoge Arbeitsmaterialien
ohne Konkurrenz

Diese Einschätzung teilen auch die Lehrerinnen und Lehrer, die in dieser Klasse unterrichten. Sie selbst beschreiben das Projekt als „fruchtbaren Lernprozess für alle Seiten“ – und darin besteht ein Hauptanliegen dieses Projektes. „Die Erfahrungen und Herausforderungen aus der Tablet-Klasse werden wir im Kollegium teilen und weitergeben, evaluieren und diskutieren“, erklärt Christian Hund, Beauftragter für das Medienkonzept und Physiklehrer der Tablet-Klasse. So wird Digitalisierung am SG, das erst Ende Oktober als „Digitale Schule“ ausgezeichnet wurde, als ein Schwerpunkt der Schulentwicklung umgesetzt, an dem Schüler und Lehrer gleichermaßen mitwirken und wachsen. Denn auch, wenn Schülerinnen und Schüler von klein auf mit Handys und Tablets vertraut sind, so ist eine schulische Nutzung und Handhabung doch für die meisten ebenfalls eine neue Erfahrung. Wo man ein Dokument auf seinem Tablet speichert, war für Schülerinnen und Schüler in den ersten Wochen ebenso eine Herausforderung, wie für die Kolleginnen und Kollegen, bei technischen Schwierigkeiten für die unterschiedlichen Schülergeräte Lösungen zu finden.

Das Tablet dient im Unterricht als Werkzeug und Ergänzung der bekannten Lernmittel, es soll weder als Sozialform noch als Unterrichtsinhalt selbst betrachtet werden. Die Umsetzung der fachlichen Inhalte und das soziale Lernen stehen dabei im Vordergrund, Lern-Apps und Apps für kooperative Lernformen werden als ergänzende Werkzeuge in ca. 30% des Unterrichts eingesetzt.

Das kann allgemein fachübergreifend die Präsentation von Arbeitsergebnissen über eine App sein, die Nutzung editierbarer PDF-Dokumente oder das Erstellen eigener Dokumente in Gruppenarbeit. Fachspezifische Nutzungsmöglichkeiten sind bereits im Pilotprojekt „Bring Your Own Device“ (BYOD) der Oberstufe erprobt worden und werden nun auch für die Mittelstufe nutzbar. Beispielsweise werden interne Sensoren oder die Kamera der Tablets bei physikalischen Experimenten genutzt, um komplexe Versuche mit Video-Analyse-Tools in Zeitlupe auszuwerten, wodurch Kompetenzen im naturwissenschaftlichen Bereich gefördert werden können, die im analogen Unterricht zu komplex wären.

 

Gute Gründe für eine Tablet-Klasse

Neben Lesen, Schreiben und Rechnen gehören „digitale Schlüsselkompetenzen“ zu einer neuen, vierten Kulturtechnik, erklärt das Land Nordrhein-Westfalen in seinem „Leitbild für Bildung in Zeiten der Digitalisierung“. Die Einrichtung der Tablet-Klasse am SG trägt dieser Entwicklung und diesem Leitbild insofern Rechnung, als dass die Schülerinnen und Schüler durch den schulischen Umgang Medienkompetenz, Anwendungs-Know-How und informatische Grundkenntnisse erwerben. „Durch die Nutzung des eigenen Geräts ist für jeden der Schüler eine 1:1-Ausstattung gewährleistet, die Geräte sind jederzeit verfügbar und können auch in einzelnen Unterrichtsphasen sinnvoll eingesetzt werden“, begründet Hund den Ansatz. Neben der Möglichkeit zu kooperativer Arbeit ist auch eine individualisierte Lernumgebung gegeben: Binnendifferenzierende Materialien können bei ‚moodle‘ problemlos zur Verfügung gestellt werden, „googeln“ während einer Erarbeitungsphase geht schnell und ist praxisnah für die Schülerinnen und Schüler. Auf diese Weise stärken die Jugendlichen nicht nur ihre Selbstständigkeit, sondern nutzen neue Lernwege, beides Leitziele am SG. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist die Nutzung des speziell als elektronisches und interaktives Schulbuch entwickelten „mBook Geschichte“, das durch die Landesregierung kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Es ermöglicht eine multimediale Begegnung mit Texten, Statistiken oder Videos zu Themen des Geschichtsunterrichts und erlaubt Markierungen, Uploads und Notizen an den entsprechenden Stellen. „Durch diese vielfältigen fachlichen und methodischen Angebote erleben und entdecken Schülerinnen und Schüler Geschichte zeitgemäß und unterschiedlichen Lerntypen kann so ebenso Rechnung getragen werden wie dem selbstständigen Arbeiten“, so der Klassen- und Geschichtslehrer Michael Brunnert.

 

Motivierte Schülerinnen und Schüler
im Matheunterricht mit Tablets

Die Tablet-Klasse gilt als Anfangspunkt eines weitreichenden und langfristigen Digitalisierungsprozesses. Auf Grundlage der Erfahrungen in diesem Schuljahr wird die Schulgemeinde in einen Diskurs treten, der eine Überarbeitung bzw. Neuausrichtung des Medienkonzeptes zur Folge haben soll. Am Pädagogischen Tag stellte der Entwicklungsschwerpunkt Digitalisierung einen Kernbaustein dar, im selben Zuge werden die Kolleginnen und Kollegen in dem Bereich digitale Lehr- und Lernmöglichkeiten schulintern fortgebildet. Auf diese Weise wird auch die Selbstverpflichtung durch die Auszeichnung „Digitale Schule“, die Digitalisierung an der Schule im Einklang mit dem eigenen Leitbild voranzutreiben, umgesetzt. Hierbei steht besonders das Motto „Potenziale entwickeln. Vielfalt schätzen. Gemeinschaft gestalten.“ im Vordergrund.

Technische Schwierigkeiten, die sich aus der Unterschiedlichkeit der Geräte ergeben, sollen bei einer Weiterführung von BYOD-Tablet-Klassen durch eine Empfehlung eines Gerätes minimiert werden. „Der Vorteil von einheitlichen Geräten liegt in den gleichen Voraussetzungen, die alle Schülerinnen und Schüler dann haben. Es wird dadurch garantiert, dass Software und Hardware für alle gleichermaßen nutzbar ist,“ begründet Hund die angestrebte Empfehlung. Des Weiteren wird die Tablet-Klasse in Absprache mit der Stadt demnächst aus dem Schulnetzwerk ausgekoppelt und mit einem eigenen Netzwerk verbunden, damit die Richtlinien des Datenschutzes eingehalten, die Vorteile jedoch von allen Tablet-Beteiligten genutzt werden können.

Ein weiterer Teil dieses bereits angestoßenen Prozesses ist die Anschaffung zweier „iPad-Koffer“ für die Erprobungsstufe. Die in der Mediothek ausleihbaren 32 iPads können von Lehrkräften der Jahrgangsstufen 5 und 6 in Einzelstunden oder Projekten eingesetzt werden. „Die Kinder kommen aus der Grundschule mit Tablet-Erfahrung zu uns und sol­len ihre digitalen Kompetenzen am SG weiterentwickeln“, sagt Schulleiter Axel Rotthaus. Die Finanzierung dieser kostspieligen, aber lohnenswerten Anschaffung wird vom Schulverein übernommen. Langfristig strebe das Städtische Gymnasium schuleigene Tablets und Schülergeräte zur fortlaufenden Umsetzung der Digitalisierung an, so Hund.

Vor allem die Schülerinnen und Schüler der 7a sind begeistert. Trotz der zeitintensiven Anfangsphase, der technischen Herausforderungen zwischen IOS und Android-Geräten und der großen Versuchung der Ablenkung mache der Unterricht mehr Spaß. Sie begrüßen die vielfältigeren Formen des Lernens, das Zusatzmaterial, die zunehmende Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Gerät und nicht zuletzt den Beitrag zum Umweltschutz, der durch das Einsparen der Arbeitsblätter geleistet wird.

 

Miriam Grundmeier