08.04.2022

Ostern 2022 – Gedanken

Wie in jedem Jahr freuen sich die Schülerinnen und Schüler und alle Lehrkräfte auf die wohlverdienten Ferien. Endlich ausschlafen, Freunde treffen, die Seele baumeln lassen. Eine ausgelassene, eine fröhliche Zeit. Eine Zeit, in der wir als Menschen neue Kraft auftanken, in der wir aufstehen – es ist Ostern.

Doch noch nie in meinem gesamten Leben ist es mir so schwergefallen wie in diesem Jahr, die Vorfreude auf die Ferien auszudrücken und zu empfinden. Mitten in Europa führt Russland einen schrecklichen Krieg gegen die Ukraine und das ukrainische Volk. Die tagtäglichen Nachrichten sind schwer zu ertragen, sie schleichen sich in unsere Gedanken und Träume. Nichts ist mehr so wie es war.

Die Kriegsverbrechen in Butscha und anderen ukrainischen Städten erschüttern uns alle. Dabei waren wir überzeugt, dass es nach den Massenverbrechen im Zweiten Weltkrieg und dem Völkermord an den europäischen Juden nie wieder einen Krieg in Europa und derartige Menschenrechtsverbrechen geben würde. Hatte die Menschheit nicht gelernt? Waren wir nicht alle auf einem Pfad der Versöhnung und der Kooperation? Aber bereits Bosnien 1995, das Massaker von Srebrenica, hat uns eines Besseren belehrt – und jetzt der russische Vernichtungskrieg in der Ukraine, mit Bildern und Schilderungen, die uns fassungslos machen. Der Einsatz für Menschenrechte, für Frieden, Demokratie und gegen Gewalt ist heute wichtiger denn je. Überall in der Welt demonstrieren Menschen gegen den Krieg, während die Ukrainer um ihr Leben kämpfen. Millionen sind bereits geflohen. Auch viele mutige Menschen in Russland stellen sich mit Demonstrationen gegen diesen Krieg und nehmen ihre Verhaftung in Kauf. An unserer Schule gibt es auch von russischen Schülerinnen und Schülern viel Unterstützung für die ukrainischen Flüchtlinge. Das ermutigt.

Wir am SG stehen an der Seite der Menschen in der Ukraine, die so viel schreckliches Leid erfahren müssen. Am Städtischen Gymnasium haben wir Stand jetzt 15 ukrainische Kinder und Jugendliche aus der Ukraine aufgenommen, und unsere Klassen und Herzen sind offen für mehr. Unsere Schülerinnen und Schüler zeigen ihre Solidarität, indem sie ihre ganz persönliche Unterstützung anbieten, Spendenaktionen organisieren, Aktionen vorbereiten und einfach da sind, wenn Hilfe gebraucht wird. Einen ganz großen Dank dafür! Zahlreiche Lehrkräfte bieten freiwillig Deutsch-Unterricht an, der nach den Osterferien starten soll. Es werden Kunstprojekte organisiert und alle wollen einen Beitrag leisten. Und das, nachdem bereits die lange Corona-Zeit sehr viel Kraft gekostet hat. Ich bin beeindruckt und berührt. Wir am Städtischen Gymnasium stehen zusammen, als Schulgemeinschaft.

Ostern 2022. Öffnen wir unsere Herzen für die Flüchtlinge aus der Ukraine, für Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen. Öffnen wir sie auch für alle Menschen, die unsere Hilfe benötigen. In unserer Klasse, in unserer Nachbarschaft, auf unserer Arbeitsstelle. Manchmal reicht schon ein freundliches Wort, eine Einladung zum Kaffee, ein Lächeln, die Begleitung zum Jobcenter oder zum Einkaufen. Eine kleine Geste kann so viel bedeuten. Die Menschen aus der Ukraine zeigen uns, was wirklich wichtig ist: ein Leben in Sicherheit in einem demokratischen Staat, in dem Menschenrechte geachtet werden und in dem Frieden herrscht. Das Leben ist das elementarste Gut. Auch das ist der Sinn von Ostern.

Ich wünsche Ihnen erholsame Ferien. Passen Sie gut auf sich auf und achten Sie aufeinander.

Britta Jünemann