Bewegende Gedenkstunde in der Stadtbibliothek: Nie wieder Auschwitz

„Wir können die Vergangenheit zwar nicht ändern, aber müssen alles dafür tun, damit sie sich nicht wiederholt.“  Diese Aussage von Maya Rürup stand im Zentrum der Gedenkfeier anlässlich des 27. Januar in der Stadtbibliothek Gütersloh. Über 100 Menschen waren an diesem Abend gekommen, um der Opfer des Holocaust zu gedenken. Vor 75 Jahren war das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit worden.
Im Mittelpunkt des Abends standen die Berichte von Schülerinnen und Schüler des Städtischen Gymnasiums über ihre Projektfahrt in die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau im November 2019. 

Die Leiterin der Stadtbibliothek, Frau Silke Niermann, begrüßte die Gäste mit einer Aussage von Monika Grütters, der Staatsministerin für Kultur. Die offene und schonungslose Auseinandersetzung mit den Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten und das breite gesellschaftliche Bewusstsein für die Verantwortung, die daraus erwächst, gehöre heute zu den hart erkämpften, moralischen Errungenschaften unseres Landes. Insbesondere die authentischen Orte, an dem die zahllosen Verbrechen stattfanden, würden die Erinnerung an das Unfassbare wachhalten.

 

Silke Niermann eröffnet die Veranstaltung

„Wir kamen anders zurück als wir gefahren sind. Wir wollten und werden berichten.“

Diese Erfahrung konnten die rund 110 Zuhörerinnen und Zuhörer nachvollziehen. In Laura Panczyks Bericht über die Fahrt wurde deutlich, wie sich für die Schülerinnen und Schüler bei jedem Schritt, den sie an diesem Ort Auschwitz unternahmen, das Unfassbare vergrößert. Es beginnt beim Durchschreiten des Tores mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ oder beim Anblick des gigantischen Bergs von Haaren der ermordeten Menschen. Diese Fassungslosigkeit wird noch gesteigert, wenn man sich in Birkenau befindet. Die Dimension dieser gigantischen Todesfabrik ist verstörend. Die Schülerinnen und Schüler gedachten dort der Opfer an einem der Ascheteiche, in welche die Mörder die Asche der Opfer geschüttet hatten, mit einer Schweigeminute und dem Zünden einer Kerze der Ermordeten.

Laura Panczyk berichtet über die Projektfahrt

Ihre Eindrücke aus den Workshops in der Gedenkstätte und ihre Gedanken und Gefühle bei ihrem Aufenthalt in Auschwitz vermittelten in sehr bewegender Weise Pauline Harbig, Johanna Dreisilker und Fynn Kastrup. Das Schicksal von Kindern, die in Auschwitz ermordet worden waren, stellten Nele Schliekmann und Amrie Leicht vor. Sie machten auch darauf aufmerksam, wie die überlebenden Kinder lernen mussten, dass es nach Auschwitz eine Welt gab, die ihnen vorenthalten worden war. Sie mussten lernen, dass man sich satt essen kann und dass man ein eigenes Bett hat. Sie mussten auch lernen, wie man spielt.

Amrie Leicht und Nele Schliekmann erinnern an das Schicksal der Kinder in Auschwitz

Konstantin Thormann und Marieke Hermeler verlasen die Namen von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern Güterslohs, die in Auschwitz ermordet wurden. Diese Namen verdeutlichen, dass Auschwitz nicht in weiter Ferne lag und liegt, sondern noch heute sehr nahe ist. Auch Gütersloher Juden wurden nach Auschwitz deportiert. Die Schülerinnen und Schüler erinnerten an ihre Namen, zündeten Kerzen an und legten Blumen nieder. „Jeder Ermordete hat einen Namen“, so Marieke Hermeler. „Wir Gütersloher Schülerinnen und Schüler gedenken heute der Opfer des brutalen Terrors der Nazis und der SS. Die Hölle von Auschwitz ist eine Mahnung für uns alle:  Nie wieder!“

Die Präsentation der Gedanken und Erinnerungen der Schüler wurden durch einige Beiträge ergänzt. Dies geschah zu Beginn des Abends durch Dr. Siegfried Bethlehem, dem ehemaligen Leiter des Städtischen Gymnasiums, der erklärte, wie es zu dem internationalen Holocaust-Gedenktag gekommen ist, der seit 1996 nationaler Gedenktag ist. Gleichzeitig wies er auf einen Widerspruch hin. Die Befreiung des KZ durch sowjetische Soldaten wurde seit dem Beginn des Kalten Kriegs in der Bundesrepublik verdrängt, während die NS-Täter in der späteren Bundesrepublik sich häufig einer Bestrafung entzogen. Insgesamt könne man der Gestaltung der Erinnerungskultur in Deutschland trotz einiger Einschränkungen jedoch ein positives Zeugnis ausstellen. Das zeige auch die heutige Veranstaltung.

Dr. Martin Schewe, der Schulpfarrer des Ev. Stiftischen Gymnasiums, befasste sich mit der Frage „Wo war Gott?“ An ihr sind viele Menschen in Auschwitz verzweifelt, Juden wie Christen. Schewe erinnerte an Hiob als den leidenden Gerechten. Auf die Frage nach Gottes Gerechtigkeit gebe es keine endgültige Antwort. Hiob schreit seine Anklage gegen Gott im Moment des größten Leids. Er kann aber nur einen Anwalt gegen Gott finden: Gott selbst.

Am Schluss der Veranstaltung skizzierte Hans-Werner Küster, ehemaliger Lehrer am Ev. Stiftischen Gymnasium, die Geschichte des Art.1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Artikel stellt sowohl eine Verpflichtung aus den Verbrechen der NS-Herrschaft als auch ein Versprechen für die Zukunft dar.

Britta Jünemann, stellvertretende Schulleiterin des Städtischen Gymnasiums, die die Projektgruppe zusammen mit Schulpfarrer Michael Fürste in Auschwitz begleitet hatte, entließ die sichtlich bewegten Zuhörer mit dem Auftrag, die Erinnerung an die Opfer von Auschwitz weiterzutragen. Das Lied der befreiten Juden aus Schindlers Liste „Jerushalayim Shel Zahav“ (Jerusalem aus Gold) vermittelte auch musikalisch die Botschaft, die Menschenwürde gegen alle Formen der Entmenschlichung auch heute zu verteidigen.

Die Schülerinnen und Schüler haben eine Broschüre über ihre Projektfahrt erstellt, die beim Städtischen Gymnasium gegen eine Spende für die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau erworben werden kann.