Schlagwort: Geschichte

  • Projektkurs Geschichte: Geschichtskulturen des Ersten Weltkrieges gemeinsam erfahren

    Projektkurs Geschichte: Geschichtskulturen des Ersten Weltkrieges gemeinsam erfahren

    Das Projekt Amikejo, benannt nach dem Esperanto-Wort für „Ort der Freundschaft“, zielt auf die Begegnung von Schüler*innen verschiedener Herkunft ab. Das gemeinsame Erfahren verschiedener Formen der Geschichtskulturen des Ersten Weltkrieges dient hier gewissermaßen als Vehikel, um die Begegnung der Schüler*innen zu intensivieren und Impulse für Perspektivwechsel, neue Gedanken und Diskussionen zu liefern. Neben den Schüler*innen des Projektkurses Geschichte des Städtischen Gymnasiums Gütersloh war eine Schülergruppe des Candea Colleges aus Duiven (Niederlande) sowie eine Willkommensklasse, bestehend aus Schüler*innen mit Fluchterfahrung der MSKA Roeselare in Belgien beteiligt.

    Westflandern war während des Ersten Weltkrieges Schauplatz des Stellungskrieges, in dem Truppen des Deutschen Reiches den Alliierten gegenüberstanden. Der Krieg forderte auch hier unzählige militärische und zivile Opfer. Die Region wurde zudem durch den massiven Einsatz von Artillerie nahezu verwüstet und gleichsam neu geformt. Bis heute sind die Spuren des Krieges also nicht nur in den Objektivationen der Geschichtskultur, sondern auch durch stumme Zeugen in der Natur sowie in den Erzählungen der Menschen sichtbar und erlebbar.

    Mittlerweile zählt der Landstrich zwischen der Nordsee und den flämischen Ardennen als europäische Erinnerungsregion, in der eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg und Frieden an vielzähligen Erinnerungsorten möglich ist.

    Das Video zeigt einen Zusammenschnitt und eine Kommentierung der Erlebnisse.

    Das Projekt wird gefördert von Erasmus+.

    Zwischen Schule und Uni

    Wenige Tage nach der Studienexkursion nach Westflandern und der Begegnung mit den Schüler*innen aus den Niederlanden und Belgien, machte sich der Projektkurs auf zu einem Besuch der Universität Bielefeld. Lars Deile, Professor für Didaktik und Theorie der Geschichte, hat die Gruppe empfangen und den Schülerinnen einen Schnuppertag als Studierende der Geschichtswissenschaft ermöglicht. In einem Seminar zur Geschichts- und Erinnerungskultur haben die Schüler*innen die dahinterliegenden Begriffe und Konzepte theoretisch erarbeitet, um auf dieser Basis ihre Erfahrungen auf akademischem Niveau zu reflektieren. Nach einem Besuch in der Mensa konnten die jungen Menschen ihre ersten Uni-Erfahrungen in einer eigens für sie gestalteten Vorlesung abschließen. Prof. Deile erörterte im Hörsaal Kontinuitäten und Wandel der Geschichtskulturen zum Ersten Weltkrieg von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart.

  • Das Unbegreifliche begreifen? – Bericht einer Schülerin über die Studienexkursion nach Krakau und Auschwitz

    Das Unbegreifliche begreifen? – Bericht einer Schülerin über die Studienexkursion nach Krakau und Auschwitz

    In der letzten Schulwoche vor den Sommerferien reisten 40 Schüler*innen der E-Phase 24/25 und 5 Lehrkräfte des SG nach Krakau, um von dort aus die Gedenkstätte des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz zu besuchen. Zuvor wurden die Schülerinnen intensiv in einem Vertiefungskurs auf die Fahrt vorbereitet. Die finanzielle Unterstützung des Inner Wheel Clubs Gütersloh sowie eines Förderprogramms der Landes NRW ermöglichten diese Fahrt. An dieser Stelle sei hierfür ein herzliches Dankeschön gesagt.

    Die Schülerin Loresa Buzolli aus der jetzigen Q1 berichtet im Folgenden über ihre Erlebnisse:

    Als ich erfuhr, dass ich zu den rund vierzig Schüler*innen gehören würde, die an der Fahrt nach Krakau und Auschwitz teilnehmen dürfen, war ich aufgeregt, aber auch nervös. Seit Jahren wird im Unterricht der Holocaust gelehrt. Es gibt zahlreiche Bücher, Dokumentationen und Filme, in denen versucht wird, von dem Leid und der Ermordung von Millionen von Menschen zu berichten und diesem zu gedenken. Und doch bleibt das alles irgendwie abstrakt, fast unwirklich. Ich fragte mich deshalb Folgendes vor der Abfahrt: „Kann man das Unbegreifliche überhaupt begreifen oder muss man dafür selbst an den Ort des Geschehens gehen? Und warum ist Erinnerung heute noch so wichtig?“

    Am Sonntagmorgen, dem 6. Juli, fuhren wir früh los. Die Stimmung im Bus war munter, viele lachten, redeten, hörten Musik. Nach der langen Busfahrt kamen wir am Sonntagabend in Krakau an. Wir bezogen schnell unser Hotel und unternahmen noch einen fast magischen Spaziergang durch die Altstadt. Die Schönheit von Krakau in Form von den alten und beindruckenden Gebäuden, die warmen Farben, die Musik auf den Straßen, all das stand im starken Kontrast zu dem, was uns in den nächsten Tagen erwartete.

    Am Dienstagmorgen fuhren wir nach Oświęcim und besuchten das Stammlager Auschwitz I. Schon am Eingang, unter dem berüchtigten Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, wurde mir bewusst, dass kein Geschichtsbuch dieser Welt einen auf diesen Moment vorbereiten kann. Der Boden, auf dem wir standen, war Boden der Geschichte. Der Ort atmete eine bedrückende Stille, die sich wie ein Gewicht auf die Schultern legte.

    Während der Führung sprach unsere Guide ruhig, sachlich und respektvoll. Sie erklärte die Strukturen des Lagers, zeigte uns die Baracken, die Gaskammern, die Ausstellungen. Doch zwischen all den Fakten betonte sie immer wieder, was sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt: die „Menschlichkeit der Opfer“ und das „unmenschliche Handeln der Täter“.

    Mit jedem Ausstellungsraum, den wir betraten, bröckelte die gefasste Fassade eines jeden von uns. Besonders in dem Ausstellungsraum, in dem Fotos abgemagerter Gefangener und Kinderzeichnungen hängen, wurde es für mich persönlich zu viel. Tränen strömten mir bereits die Wangen runter und ich ging schnell raus an die frische Luft, um die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken. Ich glaube, dies war die intensivste Reaktion, die ich mit der Konfrontation von solchem Leid je erfahren habe.

    Nach dem Besuch des Lagers wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt, um an unterschiedlichen Workshops in der IJBS teilzunehmen. Ich nahm am Workshop „Das Auschwitz-Album“ teil. Das Auschwitz-Album ist eine einzigartige Fotosammlung aus dem Jahr 1944, die die Ankunft ungarischer Juden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau dokumentiert. Es wurde von SS-Mitgliedern aufgenommen und später von der Überlebenden Lili Jacob gefunden. Das Album gilt als eines der wichtigsten visuellen Zeugnisse des Holocaust.

    Dort haben wir noch einmal richtig gespürt, wie sehr Bilder aus ihrem Zusammenhang gerissen werden können. Auf den ersten Blick zeigten die Fotos im Album scheinbar harmlose Szenen, z.B. Menschen, die aus Zügen steigen, Familien, die unter Bäumen Schatten suchen, und Kinder, die miteinander spielen. Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch überwiegend Frauen auf den Bildern, welche uns durch ihre Mimik verraten, dass sie Unheilvolles erahnen.
    Genau an diesem Tag wurden Tausende Frauen, Kinder, Alte und Kranke ermordet.
    Diese Bilder zeigen, wie trügerisch solche Fotos sein können und wie leicht Erinnerung verzerrt wird, wenn man den Kontext verliert.

    Der Workshopleiter war sehr einfühlsam und geduldig. Am Ende sagte er uns, wie sehr er unsere Bereitschaft, an so einer Fahrt teilzunehmen, bewundert. Für ihn war es etwas Besonderes, dass junge Menschen freiwillig diesen Weg gehen. Für uns dagegen war es selbstverständlich, sich mit diesem Teil unserer Geschichte auseinanderzusetzen.

    Am Mittwoch fuhren wir früh nach Brzezinka, zum Vernichtungslager Auschwitz II/Birkenau. Schon vor der Ankunft wussten wir, dass das Vernichtungslager größer war als das Stammlager. Die Vorstellung selbst konnte jedoch keinen von uns darauf vorbereiten, wie erschreckend der Moment der tatsächlichen Realisation war.

    Das Erblicken der weiten Gleisanlagen, der endlosen Barackenreihen und die schiere Größe des Geländes rissen uns kurzweilig aus der Realität, um uns anschließend wieder bewusstzumachen, was für ein Albtraum hier tatsächlich stattgefunden hat. Während der Führung erklärte unsere Guide sachlich die Abläufe, die Selektionsprozesse und die unvorstellbaren Bedingungen der Opfer. Viele aus der Gruppe berichteten später, dass sie die ersten Eindrücke hier nicht gleich emotional herausfordernd fanden wie im Stammlager.

    Doch als wir zu der gesprengten Gaskammer gingen, änderte sich die Stimmung schlagartig. Dort wurden uns drei Fotos gezeigt, die an jenem Tag aufgenommen wurden, an dem ungarische Jüdinnen und Juden, die für arbeitsunfähig erklärt worden waren, sofort nach ihrer Ankunft zur Vernichtung ausgesondert wurden. Auf den Bildern sieht man verschwommen entkleidete Menschen in Panik, wie sie versuchen wegzulaufen, und Leichen, die übereinandergestapelt sind. Diese Szenen trafen uns wie ein Schlag. Plötzlich wurden die Gewalt und das Grauen wieder physisch spürbar.

    Nach der Tour unterhielten meine Freundin und ich uns schließlich noch mit der Guide. Wir fragten, wie sie es schafft, täglich an einem so belastenden Ort zu arbeiten. Sie erzählte offen, dass es am Anfang sehr schwer gewesen sei, sie aber weitermache, weil sie wisse, wie wichtig Aufklärung und Erinnerung sind. „Ich tue es, denn Erinnerung schützt“, sagte sie. „Wenn Menschen verstehen, was hier passiert ist, ist das der einzige Weg, zu verhindern, dass es je wieder geschieht.“.

    Anschließend nahmen wir im Bildungszentrum der Gedenkstätte an einem Workshop teil, der den Titel „Das elfte Gebot: Sei nicht gleichgültig“ trug. Dort reflektierten wir, dass unsere Reise selbst eine Form war, dieses Gebot zu leben. Wir sprachen darüber, was Gleichgültigkeit bedeutet, damals wie heute, und wie sie zu Unrecht, Hass und Diskriminierung führen kann.

    Ich fand diesen Workshop sehr eindrucksvoll, weil er die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlug. Wir diskutierten, wie wichtig es ist, nicht wegzusehen, wenn Menschen heute ausgegrenzt werden oder Ungerechtigkeit erfahren. „Gleichgültigkeit“ steht für Verantwortung, Mut und Empathie. Werte, die in Auschwitz millionenfach verloren gingen, die wir aber heute umso mehr bewahren müssen.

    Auch hier zeigte sich die Workshopleiterin sehr einfühlsam. Als wir uns am Ende des Workshops bei ihr bedankten, für ihre tolle Art und allgemein für ihre wertvolle Arbeit, schloss Sie uns in ihre Arme, mit Tränen in den Augen und bedankte sich bei uns für unser Engagement und unsere Bereitschaft.

    In den Stunden nach den Aufenthalten im Stamm- und Vernichtungslager und den folgenden Tagen erlebten wir Krakau von einer anderen Seite: die lebendige Altstadt, das jüdische Viertel Kazimierz, die Musik, das Lachen und das spürbare Leben. Diese Momente waren wichtig, denn sie wirkten wie ein Atemholen nach der Schwere von Auschwitz. Sie halfen mir, das Gesehene zu verarbeiten. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass Erinnerung und Leben sich nicht ausschließen, sondern ergänzen. Gerade weil es so viel Leid gab, ist es heute umso wertvoller, dass Orte wie Krakau leben, atmen, weitergehen.

    In Kazimierz sahen wir die Spuren jüdischen Lebens. Alte Synagogen, kleine Gedenktafeln, aber auch moderne Restaurants, die jüdische Kultur wieder aufleben lassen. Für mich war das ein Zeichen, dass Geschichte nicht nur aus Schmerz besteht, sondern auch aus Überleben und Neubeginn.

    Unsere Gruppe war während der gesamten Fahrt eine große Stütze. Wir haben viel miteinander geredet, gelacht, aber auch gemeinsam geschwiegen. Ohne diese Gemeinschaft wäre es viel schwerer gewesen, die Erlebnisse zu verarbeiten. Es war tröstlich, zu wissen, dass niemand allein mit seinen Gefühlen war.

    Auch unsere Lehrer*innen waren unglaublich aufmerksam. Sie gaben uns Freiraum, achteten aber darauf, wie es uns ging. Abends suchten sie immer mit jedem das Gespräch, erkundigten sich, ob wir zurechtkommen, und zeigten echtes Mitgefühl. Ich glaube, das hat uns allen geholfen, mit der emotionalen Last noch besser umzugehen.

    Wenn ich heute auf die Reise zurückblicke, kann ich meine ursprüngliche Frage vielleicht nicht vollständig beantworten. Man kann das „Unbegreifliche“ nie ganz begreifen. Aber ich habe verstanden, dass „Verstehen“ nicht bedeutet, alles zu erklären, sondern hinzusehen, mitzuleiden, sich zu erinnern. Auschwitz hat mir gezeigt, wie dünn die Grenze zwischen Menschlichkeit und Grausamkeit sein kann. Und Krakau hat mir gezeigt, dass Leben und Hoffnung trotzdem weitergehen.

    Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Sie hat mich traurig, wütend, hilflos, aber auch stark und entschlossen gemacht. Denn Erinnerung ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern eine Aufgabe für die Zukunft.

    Und vielleicht ist genau das die Antwort: „Man begreift das Unbegreifliche nicht, aber man lernt, Verantwortung daraus zu tragen.“

    Von Loresa Buzolli

     

    Fotografische Dokumentation des Besuches

  • Exkursion zur Wewelsburg

    Exkursion zur Wewelsburg

    Im Mai 2025 fuhren alle 9. Klassen zur Wewelsburg. Nach dem morgendlichen Treffen an der Schule und der einstündigen Busfahrt kamen wir an der Wewelsburg in Büren an. Die Burg (Baujahr 1603–1609) ist alt, imposant und schon von Weitem zu sehen. Mit dem Leiter der heutigen Exkursion ging es zunächst in den Burgkeller, wo uns der Zeitabschnitt des Zweiten Weltkrieges grob erklärt wurde. Anhand von Abbildungen und Beispielen erläuterte er uns die Ursachen, die Ideologie und die Entwicklung der Zeit des Nationalsozialismus. Anschließend hatten wir Zeit, die Ausstellungsstücke zu erkunden. Darunter befanden sich echte Uniformen, damalige Zeitungsartikel und emotionale Briefe, in denen Trauer und Hilflosigkeit deutlich wurden.

    Nach einer 15-minütigen Pause gingen wir über den Innenhof des Schlosses in einen Turm, auf dessen Boden ein von den Nationalsozialisten genutztes Zeichen (die „Schwarze Sonne“) aufgemalt ist. Dort wurden vor allem die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus sowie Bezüge zu heutigen rechtsextremen Anhängern thematisiert. Da die Wewelsburg damals ein Treffpunkt der SS war, bestaunten wir im Keller des Schlosses die besondere Akustik eines Raumes (ähnlich gebaut wie eine „Verhörkammer“). In der Mitte des Raumes klingen Stimmen besonders laut, dunkel und eindrucksvoll, was damals zur Einschüchterung genutzt wurde.

    Nach einer längeren Pause von 30 Minuten ging es erneut in einen anderen Teil des Burgkellers, in dem uns vor allem der Bezug zur heutigen Zeit und auch die Arbeit der Angestellten in der Wewelsburg erklärt wurden. Denn um die Wewelsburg herum finden noch viele Grabungen statt, bei denen man nach Material aus vergangener Zeit sucht. In einem weiteren Raum wurden Diagnosen von Ärzten der Konzentrationslager ausgestellt, in denen zwar häufig natürliche Todesursachen angegeben wurden, die Geschichten jedoch etwas ganz anderes erzählten. Hier las man emotionale Berichte und Zitate von Menschen, die in Konzentrationslagern inhaftiert waren und insbesondere Folter, Angst und Missbrauch erlitten.

    Nach dem Vortrag unseres Leiters über Gleichheit und Gerechtigkeit gingen wir in Gruppen durch den Ortskern, um Gebäude und Orte aus damaliger Zeit zu finden. Dazu gehörten eine Küche des Konzentrationslagers, in der die Nahrung immer knapp war, und der sogenannte Appellplatz, an dem die Inhaftierten jeden Tag gezählt wurden und auch im Winter mehrere Stunden bis zur Erfrierung ausharren mussten, ohne auch nur einen Muskel zu bewegen.

    Anschließend fuhren wir mit dem Bus eine Stunde zurück, sodass wir um 17 Uhr in Gütersloh ankamen.

    Die Wewelsburg ist also nicht nur ein geeigneter Ort, um die Geschichte und die Grausamkeit des Nationalsozialismus zu verstehen. Sie ist auch eine Gedenkstätte, die an die Millionen Opfer erinnert und ihr Motto unterstreicht: „Niemals dürfen wir vergessen!“

    Von Tuana Er

     

  • Ausstellung „Gütersloh postkolonial“ jetzt noch bis 17.11. im Stadtmuseum zu sehen

    Ausstellung „Gütersloh postkolonial“ jetzt noch bis 17.11. im Stadtmuseum zu sehen

    Mit dem Ziel den „kolonialen Blick“, der ein rassistisches und eurozentrisches Welt- und Menschenbild in sich trägt, offenzulegen, zu kritisieren und seine Tradition zu hinterfragen, gestalteten die Schüler*innen des Projektkurs in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und Stadtmuseum Gütersloh unter der Leitung von Michael Brunnert im letzten Schuljahr eine eindrucksvolle Ausstellung zur „Langen Nacht der Kunst“. Diese Ausstellung ist bereits vor einiger Zeit ins Stadtmuseum Gütersloh gezogen und kann dort noch bis zum 17. November besucht werden.

    Artikel zur Ausstellung (04.07.2024)

     

  • Gütersloh postkolonial

    „Rassismus begegnet uns alltäglich. Es ist an der Zeit, die kolonialen und rassistischen Denkmuster zu überwinden.“

    So lautete ein Eintrag im digitalen Gästebuch der Ausstellung, die die Schüler*innen des Projektkurses Geschichte über ein Jahr lang konzipiert und erarbeitet haben und am 25. Mai im Rahmen der Langen Nacht der Kunst in Gütersloh zeigen konnten.

    Diese Rückmeldung machte die Schüler*innen besonders glücklich, war doch genau dies das Ziel, die Verwobenheit von rassistischen Welt- und Menschenbildern mit den – zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst – weitergeführten kolonialen Traditionen offenzu-legen und zu kritisieren. Dabei sollte zudem deutlich gemacht werden, dass dieses Phä-nomen nicht abstrakt ist, sondern sich auch konkret in Bezügen zu Gütersloh manifes-tiert.

     

    Die Ausstellung

    Mit dem Ziel den „kolonialen Blick“, der ein rassistisches und eurozentrisches Welt- und Menschenbild in sich trägt, offenzulegen, zu kritisieren und seine Tradition zu hinterfra-gen, setzte sich die Schüler*innengruppe selbst eine große Herausforderung. Insbeson-dere, da die aktive Kolonialzeit des Deutschen Reiches mit dem Unterzeichnen der Ver-sailler Vertrages bereits 1919 offiziell endete und Gütersloh auf dem ersten Blick wohl nicht zum Zentrum kolonialer Bestrebungen zählen dürfte. Ein Weg, dieses Hindernis zu überwinden, war das Recherchieren von Objekten, die den Alltag der Menschen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts prägten und die den „kolonialen Blick“ zum Teil nur bei ge-nauem Hinschauen in sich trugen.

     

    Hierbei stießen die Schülerinnen und Schüler vor allem unter Mithilfe des Historikers Eckhard Möller, Lasse Stoevesandt und Julia Kuklik vom Stadtarchiv Gütersloh und Franz Jungbluth vom Stadtmuseum Gütersloh auf eine sehr breite Palette von Objekten, die zeitlich im 19. Und 20. Jahrhundert anzusiedeln waren.

    Aus der aktiven Kolonialzeit des Deutschen Kaiserreiches, fielen vor allem die Vielzahl an Annoncen in Gütersloher Tageszeitungen auf, die einen Bezug zum Kolonialismus her-stellten und gleichzeitig ein Indiz für die große Menge an Einzelwarengeschäften, die Produkte aus den Kolonien bezogen oder sich gleich „Kolonialwarenladen“ nannten, waren. Besuchende der Ausstellung, die im Haus der Kunst des Städt. Gymnasium aufgebaut wurde, mussten sich ihren Weg durch eine „Dusche“ aus Zeitungsannoncen bahnen. Im Anschluss fand eine Kontextualisierung statt und die Annoncen konnten den verschiedenen Geschäften, die auf einer Karte der Innenstadt verortet wurden, zugeord-net werden.

     

    Mit diesen Eindrücken, dass das Thema Kolonialismus vor gut 100 Jahren auch in Gü-tersloh kein randständiges gewesen sein muss, trafen die Besucherinnen und Besucher gleich auf ein spannendes Ensemble aus einem schweben Gehstock sowie Replikaten aus einem Album, dass der Gütersloher Kaufmann Kissing auf seiner Reise durch Asien um 1900 angefertigt hatte. Das Album zeigt vor allem Menschen bei ihren „typischen“ Tätigkeiten. Die Schüler*innen identifizierten dieses Album sowie den Gehstock, der ebenfalls durch einen Gütersloher Kaufmann aus der ehemaligen deutschen Kolonie Tsingtau nach Ostwestfalen gelangte, als Trophäen, die ein in Europa weit ver-breitetes Überlegenheitsgefühl gegenüber den in den Kolonien lebenden Menschen illustrierte. Zudem konnten vor allen die Photographien in dem Album als Beispiel eines „positiven“ Rassismus gegenüber nicht-weiß gelesenen Menschen gedeutet werden, indem diese exotisiert und somit als fremd gekennzeichnet wurden.

     

    Ein noch deutlicherer Bezug zu Gütersloh war sicherlich die Station, an denen Besuchende Bücher in die Hand nehmen konnten, die im Bertelsmann Verlag erschienen waren. Tatsächlich handelte es sich um mit Buchcovern beklebte Pappdosen, die mit interessanten und zum Nachdenken anregen Informationen gefüllt waren. Die dargestellte Literatur stammte allesamt aus der Zeit des Nationalsozialismus und verherrlichte das Leben in den Kolonien als Abenteuer oder romantische Geschichte. Ziel der Autoren und Herausgeber war es dabei ein Bewusstsein zu erzeugen, dass das Deutsche Reich die Kolonien im Versailler Vertrag zu Unrecht verloren hätte und ein natürliches Anrecht auf diese haben würde. Dieses, durch Politik und Teile der Gesellschaft bewusst gesteuerte Phänomen des Kolonialrevisionismus war bereits zur Zeit der Weimarer Republik weit verbreitet und manifestierte sich ebenfalls in einem anderen zentralen Objekt der Aus-stellung.

     

    Auszug „Zigarettenalbum“

    Kritik „Zigarettenalbum“

     

    Den Schüler*innen lag ein „Zigarettenalbum“ aus dem Jahre 1938 vor, das wohl am ehesten als Sammelalbum, vergleichbar zu heutigen „Panini-Heften“, zu beschreiben ist. Während das Sammeln von Fußballbildchen sicherlich als harmlos zu bezeichnen ist, war das „Zigarettenalbum“ geprägt von deutlich rassistischen Darstellungen und Verharmlosungen der Gewalt in den Kolonien. Als Beispiel fungiert hier die Beschreibung des Genozids an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Diese Seite des Zigarettenalbums wählten die Schülerinnen und Schüler aus, um es durch einen selbst erstellten Kontrast im Stile der Machart des Albums zu kontrastieren. Ein Mittel, dass sich durch die weitere Ausstellung durchzog und von den Schüler*innen wie folgt begründet wurde.

     

    Aus ihrer Sicht verfehlen in Ausstellungen lange Informationstexte häufig ihr Ziel der Kritik und der Information, da nach einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Besuchenden nachlassen würde. Am Ende blieben dann vor allem die Bilder und Objekte im Gedächtnis, was insbesondere in dieser Ausstellung dazu geführt hätte, dass transportierte Rassismen nicht kritisiert, sondern im schlimmsten Fall reproduziert worden wären.

    Um einen anderen Zugang zu ermöglichen, hat sich die Gruppe also entschieden, vor allem mit graphischen Mitteln auf die aus ihrer Sicht angebrachte Kritik hinzuweisen. Um dies auch umsetzen zu können hat sich der Projektkurs Geschichte im Laufe des Schuljahres zu einem Kooperationskurs mit der Fachschaft Kunst entwickelt, wobei vor allem Franziska Emken und Anne Haverland mit den Schüler*innen erarbeiteten, wie sich mit visuellen Mitteln ihre Ideen zum Ausdruck bringen können.

     

    Im weiteren Verlauf der Ausstellung – angekommen in der Zeit der BRD – erwies sich dieses Mittel als besonders herausfordernd. Gerade hier zeigte sich der „koloniale Blick“ besonders subtil z.B. in Form von Wandkarten, die in Gütersloher Schulen eingesetzt wurden, Abbildungen auf Gewürzdosen aus Gütersloh, einer Schulkarte des afrikanischen Kontinentes oder eines Kinderbuches, das in Gütersloher Geschäften kostenlos an Kinder verteilt worden ist. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung sind hier in der Bildergalerie teilweise zu sehen.

     

    Am Ende der Ausstellung hatten die Besucher*innen die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden. Die Kunst-AG von Anne Haverland hatte einen Workshop vorbereitet, in dem es möglich war, typische Kolonialwaren aus Pappmaché herzustellen und auf diesem Wege auch über aktuelle Bezüge des Themas ins Gespräch zu kommen.

     

    Alle diejenigen, die sich ärgern die Ausstellung verpasst zu haben, können sich darauf freuen, dass sie noch einmal aufgebaut werden soll. Aller Voraussicht nach wird sie ab September als Sonderausstellung im Stadtmuseum wiederzusehen sein.

    An dieser Stelle sei noch einmal ein sehr herzliches Dankeschön an alle bereits genannten Beteiligten gerichtet, ohne euch wäre diese Ausstellung nicht möglich gewesen. Vielen Dank auch an alle diejenigen, die die Ausstellung besucht haben und so ermutigendes Feedback gegeben haben, wie dieses hier:

    „Unfassbar gut durchdachte Ausstellung! Multimedial, immersiv und informativ. Besser als viele ‚professionelle‘ Ausstellungen.“

    Von Michael Brunnert