29.07.2015

Was im Leben wichtig ist

Literaturkurs des Städtischen Gymnasiums zeigt „Nichts“ von Janne Teller

Der Theaterkurs 2015 wagte sich an ein modernes Drama

Auch Nichts kann eine Bedeutung haben, lehrt das Jugendbuch „Nichts“ von Janne Teller, das der Literaturkurs der Stufe 11 des Städtischen Gymnasiums als Vorlage für seine Bühnenvorstellungen am Schuljahresende gewählt hat. Das Ensemble unter der Leitung von Jens Hullermann um die beiden Hauptfiguren Agnes und Pierre Anthon hält sich eng an die Buchvorlage, unterstreicht mit Wiederholungen, chorisch gesprochenen Komparativen und Superlativen die dramatische Steigerung des Stückes.
Die Hauptdarsteller dominieren nicht nur als Protagonisten der Handlung, sondern auch die Ausgestaltung der Rollen. Sowohl Carolin Gratzla in der Premierenvorstellung als auch Alena Barrabas am zweiten Aufführungsabend stechen zunächst als Ich-Erzählerin Agnes hervor, während Fabian Schröder und Markus Akbaba in ihrer Rolle als Pierre Anthon als Gegenspieler der gesamten Gruppe präsent im Geschehen bleiben, auch wenn ihre Sprechanteile deutlich geringer sind. Schließlich verlässt Pierre Anthon aufgrund seiner nihilistischen Einstellung, dass nichts irgendetwas bedeute und alles Lernen und Streben sinnlos sei, seine Schulklasse und provoziert mit irritierenden Aussagen seine ehemaligen Mitschüler und Freunde zu einem dramatischen Wettlauf der Selbstüberwindung. Die zurückgebliebenen Schüler versuchen Pierre Anthon von der Bedeutsamkeit des Lebens zu überzeugen, indem sie sich von ihnen wichtigen Dingen trennen. Was harmlos mit Schmuck und Markenprodukten beginnt, wird immer düsterer und unheimlicher. Es entsteht ein Berg der Bedeutungen, auf dem Sophie ihre Unschuld verliert, zu dem Kai, dargestellt von Nikolas Burghardt, ein gestohlenes Kreuz mit Jesusfigur beiträgt und für den sich zuletzt Jan-Johann verstümmeln lassen muss.

Das nächste Opfer für den Berg der erinnerungen

Der Stoff verstört, irritiert und regt zum Nachdenken darüber an, was im Leben wichtig ist. Nicht die Übernahme von gesellschaftlichen Konventionen bringt Bedeutung in unser Leben, sondern wir müssen selbst nach ihr suchen. Diese Irritation übernimmt die Inszenierung am Städtischen Gymnasium: Pierre Anthon ist nur wenige Sekunden zu Beginn auf der Bühne, danach im Rücken der Zuschauer von der Empore zu hören. Diese gelungene Anordnung zeigt, dass wir alle einen kleinen Pierre Anthon im Nacken haben, der uns immer wieder antreibt, unser Leben mit Bedeutung anzureichern. Die anderen Darsteller kreisen mit ihren Gedanken um sich selbst. Die Zerrissenheit und Verletzlichkeit von Sophie wird im Laufe des Stückes immer deutlicher. Mit ihrer Mimik zeigt Sophie nach ihrem Einsatz Härte und beim dramatischen Finale Gefühlskälte. Sie ist die eigentliche Verliererin im Roman, endet sie doch im Wahnsinn, der in der Darstellung von Janina Paus dem Zuschauer Angst machen kann.
Auch wenn die jungen Schauspieler ihre Rollen mit großer Intensität darstellen und sich offensichtlich in dem umstrittenen Drama heimisch fühlen, springt der Funke beim Zuschauer nur bedingt über. Nichts ist einfach zu düster und philosophisch, so dass zwar die Darsteller großen Einzelapplaus ihrer Freunde, Eltern und Mitschüler bekommen, der Schlussapplaus aber bescheidener als bei früheren Schulaufführungen ausfällt.