Studienfahrt an den Golf von Neapel – Tagesberichte

 

Samstag, 5. Tag: Amalfi

>>> diesen Tagesbericht gibt es auch auf Lateinisch

Nachdem wir den Vormittag zu unserer freien Gestaltung – was in diesem Fall die Behandlung von Mückenstichen und diversen Sonnenbränden bedeutet – nutzen konnten, fahren einige, heldenmütige von uns nach Amalfi.


Der Reiseführer einer Lüge

Das bedeutet laut Reiseführer für uns Romantik und Schönheit pur. Schon die Küstenstraße dorthin sei anmutig, winde sich um jeden Felsen und vermittle einen prachtvollen Ausblick auf die vorbeiziehenden Dörfer und das türkise Meer.
Da ihr unsere Reise bisher verfolgt habt, wisst ihr natürlich inzwischen schon längst, dass diese Versprechungen nicht für uns Lateiner gelten.


Die Busfahrt oder Wie viele Medikamente kann der menschliche Körper innerhalb einer Minute aufnehmen?

Die von unserem Reiseführer angepriesene Küstenstraße ist eher ein serpentinenartiges Sträßchen, das sich in erstaunlich starken Kurven um die Felsen windet.
Wir fahren oder vielmehr rasen mit gefühlten und wahrscheinlich auch noch realen 50 bis 60 km/h durch die Küstenstraße, die uns inzwischen schon gar nicht mehr so anmutig und ruhig vorkommt.
Die ersten nehmen schon ihre diversen Medikamente um Übelkeit, Kopfschmerz und Co zu bekämpfen. Wir versuchen hart zu bleiben, die schöne Landschaft und die prachtvolle Aussicht zu genießen.

links: wie sehr die Häuser an den Felsen gebaut sind, sieht man am Beispiel von Positano


Aber es gelingt uns einfach nicht. Wir schauen uns im Bus um und unsere Gedanken wandern immer wieder zu den typisch deutschen Fragen „Warum ist hier niemand angeschnallt?“, „Wo ist die Brüstung?“ und „Was wenn wir Gegenverkehr, im schlimmsten Fall einen anderen Bus, bekommen?“ zurück.
Ja, da hat unser deutsches, an Bürokratie und Ordnung gewöhntes Gehirn natürlich nicht mit dem Morsealphabet der italienischen Busfahrer gerechnet. Für jede passende Gelegenheit gibt es ein Hupzeichen. Als erfahrene Lateiner, die aus Prinzip neugierig sind und sich jeder Herausforderung stellen, versuchen wir, dieses Morsealphabet zu entschlüsseln.
Was wir bis jetzt herausgefunden haben: Die Hupsignale der italienischen Busfahrer lassen sich in verschiedene Bereiche aufteilen und dienen nicht nur zum Warnen, sondern auch zum Ausdruck der eigenen Gefühle. So gibt es ein grüßendes Hupen, ein zorniges Hupen und ein „Dank- Signal“. Es kann unterschieden werden zwischen „Warten, ich brauche die halbe Straße für mich!“, „Bleibt bloß stehen, ich belege heute mal die ganze Straße!“, „Vorsicht, hier komme ich!“ und „Attentione, ich weiß (nicht), wo dein Auto parkt!“.
Diese und andere Hupzeichen können dann in beliebiger Reihenfolge auch gerne aneinander gereiht werden.


Amalfi oder Der Ort, an dem wir Italiener wurden

Endlich im Hafen, der auch gleichzeitig der Omnibusbahnhof ist, angekommen, steigen wir mit zitternden Knien aus. Herr Sengers erstes Fazit, das er auch gleich in die Tat umgesetzt hat: Karte für die Fähre zurück kaufen.
Was Amalfi angeht, so hat uns unserer Reiseführer allerdings nicht enttäuscht. Schon der Hafen lässt mit seinem Piazza Flavio Gioia erkennen, dass Amalfi im 10. und 11. Jahrhundert eine große Seemacht und Handelsstadt war, die als eine der ältesten Seerepubliken Italiens zu großem Reichtum durch den Handel gekommen ist.
Wir betreten durch einen Torbogen die Altstadt Amalfis, in der wir mit einem Eis in der Hand, das uns Herr Senger liebenswerter Weise ausgegeben hat, die wunderschönen, sich den Felsen anschmiegenden, weißen Häuser betrachten.

oben: Blick auf Amalfi vom Hafen aus


Der barocke Andres-Brunnen bildet auf einem Vorplatz des Doms eine Oase an kühlem Wasser, an der wir, die wir von der hinter uns liegenden Woche noch total erschöpft sind, uns gerne niederlassen.
Vor uns liegt die große Freitreppe zum Dom, der im 11. Jahrhundert errichtet und später im Barockstil erneuert wurde. Schon von Außen lässt sich der orientalische Einfluss erschließen und selbst diejenigen unter uns, die nicht gläubig sind, fühlen sich beim Anblick dieses Gebäudes ganz klein.
Aber nicht nur die Architektur des Doms, sondern auch die Ansammlung von Menschen auf der Treppe vor uns zieht unsere Blicke an. Es handelt sich hierbei um eine Hochzeitsgemeinde und wir fragen uns umgehend, wie man sich so etwas leisten kann, denn das ist bestimmt nicht gerade billig. Nayelis Antwort darauf: „Die kann sich das bestimmt nur leisten, weil der Papa in der Mafia ist.“

links: Der Dom von Amalfi


Mit einem Lächeln auf den Lippen betreten wir schließlich das Dominnere. Dass die Menschen so viel Gold und Kunst anhäufen können, war uns noch nicht bewusst. Im Kreuzgang befinden sich neben einem freien, orientalischen Garten einige römische Sarkophage und in der folgenden Krypta fühlen sich unsere Nackenmuskeln unweigerlich an das „Lupanar“ erinnert, denn wir starren die ganze Zeit auf die Gemälde an der Decke.
Ein Nachteil beim Besuch des Doms ist, dass man beim Verlassen desselbigen die Schönheit der anderen Häuser nicht mehr zu schätzen weiß, da man nun an die übermäßigen Gold- und Prunkdarstellungen gewöhnt ist.


Nach einem kleinen Abstecher in diverse Pastageschäfte, in denen man unter anderem Penisnudeln – Verrückt, diese Italiener!- erstehen kann, setzen wir uns gemütlich in ein Café am Hafen, genießen die Aussicht und schreiben unseren Capuccino schlürfend Postkarten, um unsere Lieben daheim grün vor Neid werden zu lassen.

links: Der Aufstieg hat sich gelohnt! Blick auf Amalfi vom Weinberg aus


Alle von uns? Nein. Wieder einmal macht sich unsere von einer unbeugsamen Ausdauer und Neugier beseelte Lehrerin auf, um durch die anliegenden Berge und Weinanbaugebiete zu tigern.
Jedem das seine. Wir haben uns schon so an die italienische Art des dolce vita gewöhnt, dass wir mit unserem Capuccino und deswegen auch mit der Welt an sich zufrieden sind. Wir haben uns von deutschen Lateinern zu lateinischen Italienern entwickelt.
Bella Italia!

Larissa Bauschen