13.05.2022

Gegen das Vergessen: Jesidin berichtet über die schlimmste Zeit ihres Lebens

In einem bewegenden Film mit anschließendem Erlebnisbericht erhielten die Schüler*innen der Oberstufe am 04.05.2022 nachhaltige und ergreifende Einblicke in das Leben und Leiden der Jesid*innen. Die junge Jesidin Jihan, selbst Opfer der IS-Terrormiliz im Irak, berichtete von der schlimmsten Zeit ihres Lebens, ihrer Befreiung und Rettung nach Deutschland und kämpft in Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation HÁWAR.help damit gegen das Vergessen des Genozids an den Jesiden.

Jihan, eine 18-jährige junge Frau, die herzlich und offen beim Betreten der Aula des Städtischen Gymnasiums lächelt, hat Unfassbares erlebt: Im August 2014 nimmt die Terrormiliz Islamischer Staat sie und tausende andere jesidische Frauen und Kinder in ihrer Heimatstadt Shingal, Irak in Gefangenschaft, verschleppt und versklavt sie. Nach 10 Monaten kann Jihan mit einem Teil ihrer Familie fliehen, wird erst nach Bagdad gebracht, dann über ein Sonderkontingent nach Deutschland. Seit 2016 lebt sie nun in Deutschland und erzählt mit Unterstützung von HÁWAR.help ihre Geschichte, um gegen das Vergessen des Genozids an den Jesid*innen im Irak seit dem 03.08.2014 zu kämpfen.

Jihan (links) und Laurenz (rechts) geben Einblicke in die Kultur der Jesid*innen

 

weitere Informationen:

HÁWAR.help

Nach einer sehr persönlichen und emotionalen Begrüßung durch die Mitorganisatorin Susanna Haviri, Schülersprecherin und selbst Jesidin, wird als Einführung ein Dokumentarfilm über den Völkermord an den Jesid*innen 2014 gezeigt. Die Journalistin und Gründerin der Menschenrechtsorganisation HÁWAR.Help, Düzen Tekkal, besuchte mit ihrem Vater aus familiären Gründen den Irak, als der IS am 3. August im Rahmen einer Großoffensive Tausende jesidische Menschen in Gefangenschaft nimmt, umbringt oder zur Flucht zwingt. Tekkal wurde über Nacht zur Kriegsberichterstatterin und dokumentierte dieses grausame, unfassbare Leiden aus nächster Nähe. Die Schüler*innen sind merklich ergriffen, schockiert ob der furchtbaren Bilder, der grausamen Aussagen und Emotionslosigkeit der IS-Täter und die Stille ist in der Aula beim Ausblenden des Films greifbar.

Anschließend, ebenso sichtlich bewegt, greift Jihan eben diesen Tag auf. Sie hat ihre Erlebnisse in einem Buch festgehalten, liest daraus erschreckende Szenen: die sofortige Trennung der Familie in dem Moment der Gefangennahme, Versuche der Mutter, die damals 10-jährige Jihan vor den IS-Kämpfern zu schützen, Erinnerungen an die gefährliche Flucht und Rettung. Ihr Begleiter Laurenz Lürbke, Mitarbeiter von HÁWAR.help, stellt klärende Nachfragen im Gespräch und erlaubt dadurch noch tiefere Einblicke in die Kultur der Jesid*innen. Die Fragen der Schüler*innen zeigen, dass das von Jihan selbst unter Tränen als „herzlos, unmenschlich, unberechenbar, kalt“ beschriebene Verhalten der IS-Kämpfer in jeglicher Hinsicht unverständlich, nicht nachvollziehbar und verurteilenswert ist und bleibt.

Der Film mit seinen einmaligen, schonungslosen Aufnahmen und Jihans persönliche Geschichte haben den aktuellsten Genozid an den Jesid*innen in das Bewusstsein der Schüler*innen gebracht und auf das Schicksal tausender unschuldiger Menschen aufmerksam gemacht. Es wurde aber auch betont, dass, auch wenn Jihan zum Glück heute in Sicherheit lebt, Teile ihrer Familie noch im Irak sind und sich sowohl Hunderttausende noch auf der Flucht als auch tausende Kinder und Frauen noch immer in Gefangenschaft des IS befinden.

In Anbetracht der zahllosen Konflikte, die aktuell auf der Welt schwelen, herrscht oft ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, denn eine direkte Hilfe ist gerade für Jugendliche nicht möglich. Jihans Mission aber, gegen das Vergessen zu kämpfen und „den Blick dahin zu richten, wo sonst nicht hingeschaut wird“, ist eine Möglichkeit, den Menschen in Not, den Verlorenen und den Zurückgebliebenen Aufmerksamkeit und eine Stimme zu geben. Diese Mission konnte durch den School Talk, ein gemeinsames Projekt der SV, der Schulleitung und HÁWAR.help, bekannt und unterstützt werden. Insgesamt nahmen ca. 350 Schüler*innen der Einführungsphase und der Jahrgangsstufe Q1, aufgeteilt nach Jahrgangsstufen, an der jeweils 90-minütigen Veranstaltung teil, die in den Religions- und Philosophiekursen vorbereitet wurde.

In ihrem Buch „Dankbarkeit. Die schlimmste Zeit meines Lebens“, das sie gemeinsam mit einem Freund und dessen Mutter, Marvin und Zine Balletshofer, veröffentlicht hat, ist Jihans gesamte Geschichte nachzulesen. Die Einnahmen spendet die junge Frau allesamt HÁWAR.help, die sich für eine offene Gesellschaft und Toleranz einsetzt, ein Anliegen, das uns auch am SG sehr wichtig ist. Darüber hinaus unterstützt HÁWAR.help mit verschiedenen Bildungsprojekten und Sensibilisierungs- sowie Aufklärungsinitiativen Frauen, Kinder und Minderheiten, die religiöser, ethnischer oder geschlechterspezifischer Verfolgung oder Diskriminierung ausgesetzt sind. Sie werden durch Zugang zu Entwicklungs- und Bildungsprojekten gestärkt, damit sie sich ein sicheres und selbstbestimmtes Leben aufbauen können. Auch das Städtische Gymnasium unterstützt HÁWAR.help im Anschluss an diese beeindruckende Veranstaltung mit einer Spende

Von Miriam Grundmeier

Jihan erklärt die Entstehung ihres Buches "Dankbarkeit. Die schlimmste Zeit meines Lebens"